Urlaub vom Pflegealltag:

So wird die Reise zum Erlebnis.

Es ist Mitte September im Ostseebad Rerik. Die Sonne strahlt vom Himmel und das Thermometer zeigt noch 21 Grad. Es ist spätsommerlich warm. Das Team vom Feriendorf und das Team des Pflegedienstes Callies & Matzek sitzen zusammen, um die letzten Details zu besprechen, bevor der Bus aus Hamburg eintrifft. In einer Stunde werden die Familien ankommen. Zehn Paare haben sich über die Alzheimer Gesellschaft Hamburg angemeldet. Zehn Angehörige, die ihre an Demenz erkrankten Partner täglich zu Hause pflegen.

Eine gute Vorbereitung ist wichtig.

Andreas Callies blickt in die Runde: „Drei der Familien kennen wir noch gar nicht. Das ist jedes Mal wieder spannend. Wir wissen nicht genau, was uns erwartet. Unser Team ist aber erfahren und bekommt das schon hin.“ Seit dreizehn Jahren führt das Feriendorf gemeinsam mit dem Pflegedienst Callies & Matzek diese Urlaube für pflegende Angehörige und ihre an Demenz erkrankten Angehörigen durch. Meist sind es die Partner, manchmal die Eltern.

Katrin Stechow, Leitung des Rezeptionsteams des Familienferiendorfes in Rerik, kümmert sich um die gesamte Organisation des Angebotes „Urlaub & Pflege“ und berichtet stolz: „Unser Freizeitteam lässt sich jedes Mal etwas Tolles einfallen. Petra Schwinning und Heike Schwarz sind von Anfang an dabei.“ Sie haben viel Erfahrung, kennen einige Gäste schon seit Jahren. Und doch ist jeder Durchgang einzigartig. Mit viel Herz und Kreativität machen sie den Urlaub jedes Mal für die Angehörigen zu einem wirklichen Erholungserlebnis.

Immer wieder etwas Neues

„Einige Gäste kommen jedes Jahr und wir schauen, dass wir ihnen immer wieder etwas Neues bieten können. In diesem Jahr haben wir ein ganz besonderes Highlight: Wir gehen ins Strandhotel in Kühlungsborn. Es wird Kaffee und Kuchen geben und einen wunderbaren Blick auf die Ostsee. Hier kommt man eigentlich als normaler Tourist nicht rein. Es wird eine kleine Überraschung werden.“, freut sich Petra Schwinning schon jetzt. Die beiden sind ein eingeschworenes Team und begleiten das Angebot „Urlaub & Pflege“ von Anfang an. „Manchmal ist es erschreckend zu sehen, wie schnell sich der Zustand einiger Patienten von einem zum anderen Jahr verschlechtert.“, bedauert Heike Schwarz. „Dafür ist es umso schöner zu beobachten, wenn beide, die Angehörigen und die Demenzerkrankten, während des Urlaubs aufblühen. Man sieht richtig, wie in einige die Lebensgeister zurückkehren. Das ist schön!“

Ausflüge gegen die Einsamkeit

Die Freizeitangebote sind unverbindlich, aber die meisten Angehörigen nehmen an den Ausflügen teil. Sie genießen die Gesellschaft der anderen Mitreisenden und des Freizeitteams. Manchmal bauen sie sich auch gegenseitig wieder auf. Sie merken, sie sind nicht allein. Ein Gefühl, das sie im Alltag nur allzu oft beschleicht. Pflegende Angehörige sind nicht selten isoliert. Einsamkeit ist ein zunehmendes Problem für sie. Vor allem mit fortschreitender Demenz der Partner gehen sie immer seltener raus. Pflege von geliebten Menschen ist oft für die Angehörigen emotional und körperlich sehr belastend. Es ist schwer zu sehen, wie der geliebte Partner mehr und mehr Erinnerungen verliert, wie sein Leben sich nach und nach auflöst. Aber auch körperlich ist die Pflege eine große Herausforderung. Häufig müssen Angehörige Tag und Nacht bereit stehen und zum Teil körperliche Schwerstarbeit leisten, obwohl ihnen selbst altersbedingt die Kräfte langsam schwinden.

Viele Paare sind Stammgäste

Einige sind das erste Mal hier, andere kommen seit mehreren Jahren, zum Teil auch zwei Mal pro Jahr. Es sind kleine Fluchten aus einem Alltag, den man sich als Außenstehender kaum vorzustellen vermag.

„Diese Urlaube sind sehr wichtig für uns. Mein Rüdiger blüht jedes Mal so auf, wenn wir hier sind. Und ich habe mehr Kraft für alles, was zu Hause auf mich wartet.“ Frau F. ist bereits das zehnte Mal dabei. Sie kennt das Freizeitteam, kennt den Pflegedienst und die Mitarbeiter der Alzheimergesellschaft. So lange es geht, möchte sich Frau F. um ihren Mann kümmern.

Gemeinsames Ritual zum Start in den Tag

Während die Angehörigen an den Ausflügen teilnehmen oder einfach einmal auf der Terrasse ein Buch lesen, kümmert sich der Pflegedienst gemeinsam mit der Alzheimer Gesellschaft Hamburg um die an Demenz erkrankten Partner. Jeden Tag treffen sie sich zum Frühstücken im Raum Sansibar. Das gemeinsame Ritual ist wichtig, um den Tag entspannt beginnen zu können.

Die Schilder auf den Tischen geben Hinweise zu ihrer Vergangenheit. Es sind kleine Stützen für den Pflegedienst, um Anker zu finden zu den Köpfen der Gäste. Karin F. Buchhalterin. Heiner W. Schuhmacher. Dietmar P. Dekorateur. Die letzten Zeugnisse aus einem Leben, das immer mehr in den eigenen Köpfen verblasst.

Die zehn Personen, die um den Tisch herum sitzen, sind sehr unterschiedlich. Frau L. unterhält sich angeregt mit ihrer Nachbarin, während Frau H. und Herr P. in ihrer eigenen Welt versunken sind. Der Pflegedienst räumt den Frühstückstisch ab. Gleich ist es Zeit für den Morgenkreis.

Die Mitarbeiterin der Alzheimer Gesellschaft bereitet ihre Unterlagen vor. „Diese Menschen sind mein Leben geworden.“, schwärmt sie. Sie hat ein großes Portfolio an Spielen, Gedichten und Liedern, die sie gemeinsam mit den Demenzerkrankten singt und liest. „Am liebsten mögen sie Reime und Volkslieder. Das erinnert sie an ihre eigene Kindheit.“ Sie wendet sich wieder an die Gruppe: „Schön, dass Sie alle da sind! Wollen wir mit unserem Lied beginnen? Dazu klatschen wir drei Mal in die Hände. So: Eins. Zwei. Drei.“

Besondere Momente

Nach dem Morgenkreis kommt eine Sporttherapeutin in die Gruppe. Sie hat einen weichen Ball mitgebracht, den jeder zunächst einmal fühlen und dann seinem Nachbarn geben soll. Einigen fallen selbst diese einfachen Bewegungen schwer. Nach mehreren Runden jedoch haben viele zunehmend Spaß daran. Sie lachen, rutschen unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Und am Ende fängt Frau F., die ihren linken Arm nur unter sehr großer Anstrengung bewegen kann, sogar den Ball. Alle lachen vor Begeisterung.

Es sind Momente wie diese, an denen alle Beteiligten wissen, dass sich all die Planung, die Vorgespräche, die Strapazen der Anreise gelohnt haben.

„Gefühle werden nicht dement.“, sagt das Team der Alzheimer Gesellschaft Hamburg immer wieder. „Daher ist es umso wichtiger, dass wir behutsam und geduldig mit dementen Menschen umgehen. Sie benötigen unsere gesamte Fürsorge.“

 Weitere Informationen unter https://www.awosano.de/urlaub-pflege.html

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